ANILA WILMS; DAS ALBANISCHE ÖL ODER MORD AUF DER STRASSE DES NORDENS (Transit-Verlag Berlin)

Um es gleich klar zu stellen, anders als der Klappentext nahelegt, handelt es sich hier nicht um den x-ten Kriminalroman in exotischer Umgebung. Anila Wilms, in Berlin lebende Autorin albanischer Herkunft, hat vielmehr ihrem Heimatland ein Zeugnis ausgestellt, das Neugier weckt. Neugier auf ein Land, von dem wir allgemein wenig und literarisch noch weniger wissen. Mit leichter Hand gelingt es ihr, eine historische Phase wieder aufleben zu lassen, die für dieses schwer gebeutelte Land als nicht untypisch gelten kann. War es doch nach 500 Jahren osmanischer Herrschaft im und nach dem Ersten Weltkrieg Spielball der Groß- und Mittelmächte. Österreicher, Italiener, Griechen und Serben haben ihre Spuren hinterlassen, die nicht immer so prominent ins Auge fallen wie die von der k. und k. Armee angelegte „Straße des Nordens“.

Eine unerhörte, historisch verbürgte Begebenheit des Jahres 1924 bildet den Ausgangspunkt. Zwei junge Amerikaner, die sich als Touristen ins Land der Skipetaren gewagt haben, geraten auf der Straße des Nordens in einen Hinterhalt und werden ermordet. Und dies in einem Land, wo die Sorge um den Gast zu den höchsten Pflichten des vom Bergvolk respektierten „Kanun“ zählt. Der Vorfall heizt die politischen Turbulenzen an, die traditionellen Beys stehen den aus dem Exil heimgekehrten Neuerern unversöhnlich gegenüber.

Der Machtkampf zwischen Bey Fuad Herri und dem aus den USA zurückgekehrten Bischof Dorotheus eskaliert. Es kommt zu Attentaten, Massendemonstrationen, Verhängung des Ausnahmezustands. All das wird partienweise aus der Sicht des amerikanischen Gesandten Julius Grant geschildert. Erwacht aus der lähmenden Starre, in die er seit der Versetzung in das verkümmerte Balkanland versunken war, fühlt er seine Stunde gleich doppelt gekommen. Einmal liefert er sich ein Wettrennen mit dem britischen Botschafter um lukrative Aufträge zur Erschließung vermeintlicher albanischen Ölvorkommen. Dann fordert er die Entsendung von Kriegsschiffen an, um die amerikanische Autorität zu wahren. Diese Passagen sind nicht frei von Komik, geben sie doch die Gemütslage von Menschen preis, denen zum Stichwort Balkan nur die Formel einfällt: „…eigentümliche Mischung aus Heimtücke und Verschlagenheit mit Ehrgefühl und Edelmut“

Es soll nicht verraten werden, wie sich diese Geschichte schließlich entwirrt. Denn von dieser mit Spannung erwarteten Aufklärung lebt die Erzählung. Wo die Autorin Dialoge verwendet, liest sich die Handlung noch flüssig. Doch seitenweise wird der Leser mit historischen Nacherzählungen im Lexikonstil behelligt: „Nach dem Krieg versuchten die Albaner einen Neuanfang. Doch das Schicksal ihres Staates stand wieder einmal zur Disposition. Auf der Friedenskonferenz war es in aller Munde; seine Nachbarn, die Griechen, Italiener und Südslawen erhoben Ansprüche auf das Land.“ Da helfen auch gelegentliche Abschweifungen in die Gefilde burlesken Balkanhumors nur wenig: „Wusste gar nicht, dass wir so viele Rechte hatten“, kommentiert Keno Efendi, der Spötter vom Dienst, das Geschehen: „Dumm nur, das wir es erst jetzt erfahren, wo sie uns wieder genommen werden.“

Es gelingt Anila Wilms nicht, das Viele, was sie uns über ihr Land mitteilen möchte, erzählerisch in allen Details zu gestalten. Wenn man von diesem Mangel absieht, erfährt der Leser eine Menge über die in Clans organisierten Bergvölker, die keine Zentralgewalt akzeptieren. Er lernt die Überreste feudaler Strukturen kennen, die zum Teil bis heute fortbestehen und die Herausforderer des ancien regime, die Albanien dreifach befreien wollen, von fremden Armeen, fremden Religionen und der Feudalherrschaft der Beys. Und er erfährt auch, wie verheerend Unverständnis und Anmaßung von Diplomaten und Lobbyisten wirken können. Nicht zuletzt deshalb ist das Buch auch zu Recht auf der Longlist für den Chamisso-Preis platziert, der jährlich an deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Herkunft vergeben wird.

München, September 2012

Bernd Zabel