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ANILA WILMS; DAS ALBANISCHE ÖL ODER MORD AUF DER STRASSE DES NORDENS (Transit-Verlag Berlin)

Um es gleich klar zu stellen, anders als der Klappentext nahelegt, handelt es sich hier nicht um den x-ten Kriminalroman in exotischer Umgebung. Anila Wilms, in Berlin lebende Autorin albanischer Herkunft, hat vielmehr ihrem Heimatland ein Zeugnis ausgestellt, das Neugier weckt. Neugier auf ein Land, von dem wir allgemein wenig und literarisch noch weniger wissen. Mit leichter Hand gelingt es ihr, eine historische Phase wieder aufleben zu lassen, die für dieses schwer gebeutelte Land als nicht untypisch gelten kann. War es doch nach 500 Jahren osmanischer Herrschaft im und nach dem Ersten Weltkrieg Spielball der Groß- und Mittelmächte. Österreicher, Italiener, Griechen und Serben haben ihre Spuren hinterlassen, die nicht immer so prominent ins Auge fallen wie die von der k. und k. Armee angelegte „Straße des Nordens“.

Eine unerhörte, historisch verbürgte Begebenheit des Jahres 1924 bildet den Ausgangspunkt. Zwei junge Amerikaner, die sich als Touristen ins Land der Skipetaren gewagt haben, geraten auf der Straße des Nordens in einen Hinterhalt und werden ermordet. Und dies in einem Land, wo die Sorge um den Gast zu den höchsten Pflichten des vom Bergvolk respektierten „Kanun“ zählt. Der Vorfall heizt die politischen Turbulenzen an, die traditionellen Beys stehen den aus dem Exil heimgekehrten Neuerern unversöhnlich gegenüber.

Der Machtkampf zwischen Bey Fuad Herri und dem aus den USA zurückgekehrten Bischof Dorotheus eskaliert. Es kommt zu Attentaten, Massendemonstrationen, Verhängung des Ausnahmezustands. All das wird partienweise aus der Sicht des amerikanischen Gesandten Julius Grant geschildert. Erwacht aus der lähmenden Starre, in die er seit der Versetzung in das verkümmerte Balkanland versunken war, fühlt er seine Stunde gleich doppelt gekommen. Einmal liefert er sich ein Wettrennen mit dem britischen Botschafter um lukrative Aufträge zur Erschließung vermeintlicher albanischen Ölvorkommen. Dann fordert er die Entsendung von Kriegsschiffen an, um die amerikanische Autorität zu wahren. Diese Passagen sind nicht frei von Komik, geben sie doch die Gemütslage von Menschen preis, denen zum Stichwort Balkan nur die Formel einfällt: „…eigentümliche Mischung aus Heimtücke und Verschlagenheit mit Ehrgefühl und Edelmut“

Es soll nicht verraten werden, wie sich diese Geschichte schließlich entwirrt. Denn von dieser mit Spannung erwarteten Aufklärung lebt die Erzählung. Wo die Autorin Dialoge verwendet, liest sich die Handlung noch flüssig. Doch seitenweise wird der Leser mit historischen Nacherzählungen im Lexikonstil behelligt: „Nach dem Krieg versuchten die Albaner einen Neuanfang. Doch das Schicksal ihres Staates stand wieder einmal zur Disposition. Auf der Friedenskonferenz war es in aller Munde; seine Nachbarn, die Griechen, Italiener und Südslawen erhoben Ansprüche auf das Land.“ Da helfen auch gelegentliche Abschweifungen in die Gefilde burlesken Balkanhumors nur wenig: „Wusste gar nicht, dass wir so viele Rechte hatten“, kommentiert Keno Efendi, der Spötter vom Dienst, das Geschehen: „Dumm nur, das wir es erst jetzt erfahren, wo sie uns wieder genommen werden.“

Es gelingt Anila Wilms nicht, das Viele, was sie uns über ihr Land mitteilen möchte, erzählerisch in allen Details zu gestalten. Wenn man von diesem Mangel absieht, erfährt der Leser eine Menge über die in Clans organisierten Bergvölker, die keine Zentralgewalt akzeptieren. Er lernt die Überreste feudaler Strukturen kennen, die zum Teil bis heute fortbestehen und die Herausforderer des ancien regime, die Albanien dreifach befreien wollen, von fremden Armeen, fremden Religionen und der Feudalherrschaft der Beys. Und er erfährt auch, wie verheerend Unverständnis und Anmaßung von Diplomaten und Lobbyisten wirken können. Nicht zuletzt deshalb ist das Buch auch zu Recht auf der Longlist für den Chamisso-Preis platziert, der jährlich an deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Herkunft vergeben wird.

München, September 2012

Bernd Zabel

Matthias Nawrat: „Wir zwei allein“, Nagel & Kimche (Hanser Imprint), München 2012

Unter den Nominierten für den nächsten Chamisso-Preis findet sich der Name Matthias Nawrat. Er ist polnischer Herkunft, schreibt aber auf Deutsch und erfüllt somit die Kriterien, die der Ausschreibung zugrunde liegen. Zur Zeit studiert er am Schweizerischen Literaturinstitut Biel.

Im nahegelegenen Freiburg im Breisgau, wo der Auto ansonsten auch lebt, spielt sein Roman „Wir zwei allein“. In kurzen Abschnitten präsentiert der Ich-Erzähler eine Beziehungsgeschichte, die es in sich hat. In einer Kneipe lernt er Theres kennen, eine handwerklich-künstlerisch begabte junge Frau, die in einem ungeliebten Brotberuf als Schuhverkäuferin arbeitet.

Von Anbeginn ist sie von einer Aura des Geheimnisvollen umwittert. Sie entzieht sich dem Erzähler, taucht dann wieder unvermutet auf. Sie beschäftigt ihn unablässig, reißt ihn aus seinem Alltag als Obst- und Gemüseausfahrer eines Großhandels, in der er sich als abgebrochener Student eingerichtet hat: selbst als ihm die Geschäftsführung der Firma angeboten wird, lehnt er ab. In diese Existenz bricht Theres ein und rüttelt sie gehörig durcheinander. Seine Gedanken, sein Handeln kreisen binnen Kurzem nur noch um sie

Was in der Nacherzählung des Plots wie eine banale Alltageschichte wirkt, lebt vom Sog einer eigentümlichen Spannung. Der Leser wartet immerzu auf ein Umkippen, eine Entlarvung, eine Auflösung der Rätsel um Theres. Aber nichts von all dem passiert, der Ich-Erzähler fährt fort sich um Theres zu sorgen, stützt sie, hilft ihr und bewundert sie.

Nawrat versteht es zudem, das Erzähltempo mit vielen Einschüben zu verlangsamen. Er erzählt häppchenweise und streut immer wieder Reflexionen, Traumsequenzen und Naturbeobachtungen ein. Die ausgedehnten Fahrten zur Belieferung der ortsansässigen Gastronomie mit Frischware geben Anlass zu pointierten Schilderungen der Landschaften von Schwarzwald und Kaiserstuhl.

Die Liebe zu Theres, der er sich nicht sicher ist, wird dann allerdings auf eine harte Probe gestellt, verschwindet Theres doch plötzlich über Monate. Die Suche nach ihr erfolgt eher halbherzig, er sucht in ihrer Wohnung nach Anhaltspunkten, jedoch ohne Erfolg. So plötzlich, wie sie verschwunden ist, steht sie dann plötzlich wieder neben seinem Lieferwagen. Froh, sie zurück zu haben, belästigt er sie nicht mit Fragen oder gar Vorwürfen. Von ihr selbst kommen nur vage Andeutungen, sie nennt beiläufig Namen von Städten und Ländern, in denen sie gewesen ist.

In der Zeit Ihrer Abwesenheit ist jedoch ein Entschluss gereift. Sie möchte mit ihm zusammenziehen, aufs Land hinaus, in ein gemeinsames Haus, das auch bald gefunden ist. Mit Enthusiasmus und Geschick macht sich Theres an die Renovierung des alten Bauernhauses. Da schadet es nicht, dass sie nicht mittelos von der Reise zurückgekommen ist. Allerdings ist sie auch, wie bald klar wird, schwanger. Ein dramatisches Finale bleibt indessen aus. Man richtet sich im „schönen Wieden“, so der Titel des letzten Abschnitts, häuslich ein. Vor einem Abgleiten ins Biedermeier bewahrt den Roman letztlich seine hochverdichtete Sprache, sein lakonischer-sentimentaler, konzis-konzentrierter Tonfall, der passagenweise an die Prosa Robert Walsers erinnert

B. Zabel, August 2012

So schnell kann es gehen…

Die Journalistin und Autorin Kristine Bilkau hat für ihren Debütroman „Die Glücklichen“ viel Lob und diverse Preise geerntet. Zu Recht? Ihre Geschichte ist im Milieu der „young urban professionals“ angesiedelt und spielt unverkennbar, obwohl der Name nicht fällt, in ihrer Heimatstadt Hamburg. Wir begleiten Isabell, Cellistin im Orchester eines Musicaltheaters, und Georg, Redakteur bei einer großen Tagungszeitung, exakt zwei Jahre lang durch ihr Leben. Es ist der Zeitraum, in dem Matti, ihr erstes Kind, zur Welt kommt. Sie sind späte Eltern, so weit, so typisch für ihr Milieu. Schnitt. „Hände werden nicht zittern“. Musikerdystonie? Abrupt wird der Leser aus einlullenden Stimmungsbildern herausgerissen. Bilkau baut eine Spannung auf, die langsam und bedrohlich wächst. Die Orchesterkollegen haben es natürlich auch schon bemerkt, das Zittern der Bogenhand, das ihr Spiel unsauber werden lässt. Mit Georg redet Isabell nicht darüber, sie versucht das Selbstbild der erfolgreichen Künstlerin zu wahren.

Gegengeschnitten werden Szenen aus der Redaktion. Andeutungen, Gerüchte, die sich verdichten. Wegen hoher Verluste wechselt das Blatt den Eigentümer. Personalabbau. Auf der Betriebsversammlung verkündet der Berater: „Das muss Ihnen auch klar gewesen sein“. Zunächst tröstet man sich mit der Rede von der kreativen Pause, bevor man als Hochqualifizierter wieder in ähnlich gute Jobs kommt. Und: endlich mehr Zeit fürs Kind, Schluss mit den bis ins Detail durchgeplanten Tagen.

Ängste beginnen allerdings schon bald die Freiheitsgefühle zu überlagern. Beide beginnen die hohen Standards, die sie sich gesetzt haben, peu à peu zu reduzieren.Die Autorin malt diese Ambivalenz in allen Details aus. Wohnen im teuer renovierten Altbau, Designerkleidung, Fitnessstudio, alles kommt auf den Prüfstand. Isabell lässt sich krank schreiben, sucht nach Therapien, Georg wird arbeitslos.
Just in diesem Moment stirbt auch noch Erika, Georgs Mutter, zu der Isabell ein leicht gestörtes Verhältnis hatte. Umgeben von alten, ausgemusterten Elektrogeräten, lebte Erika in dem Ladenlokal, das sie mit ihrem Mann Jahrzehnte lang betrieben hatte.

Die Abwärtsspirale setzt sich fort. Vor einem vielversprechenden Vorspielen, auf das sie sich wochenlang akribisch vorbereitet hat, flieht Isabell in letzter Minute. Die Vorstellungsgespräche Georgs verlaufen im Sande. Bei einem Kurzurlaub in einer billigen Ferienwohnung offenbart Georg seine Absicht, bei einem Lokalblättchen anzuheuern und in die Kleinstadt zu ziehen. Nichts fürchtet Isabell mehr als das.

Erfolg war und ist für sie gebunden an das Entkommen aus der Enge der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist. Als auch noch das ersehnte Treffen mit der Ex-Kollegin und besten Freundin Miriam enttäuschend verläuft, ist Schlimmstes zu vermuten. Miriam lebt in der Welt der gebuchten, erfolgreichen Musiker, gemeinsame Lehrjahre in London sind nur noch eine sentimentale Erinnerung. Kein Neuanfang in Sicht.

Leider entwickelt das Buch zum Ende hin eine Unentschlossenheit, als hätte es die Autorin mehr als alles andere gescheut, einen dramatischen Schlusspunkt zu setzen. Dass muss auch nicht sein. Vielleicht hat Bilkau das Klischee gefürchtet, denn mit dem Gedanken einer Trennung lässt sie Isabell schon spielen. Aber sie meidet das Klischee: „Sozialer Abstieg lässt glückliche Kleinfamilie zerbrechen“, nur, um ein anderes zu bedienen. Man nimmt es dieser von Ängsten geplagten Frau nicht ab, dass sie es ist, die nun das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Sie arrangiert die Hinterlassenschaften im Laden neu und beginnt einen schwunghaften Verkauf unter dem Titel „Pop-up Trödel“. Sie freundet sich mit der Idee an, ein Zimmer zu vermieten, um die großbürgerliche Wohnung im arrivierten Viertel halten zu können. So verdämmert das Buch in der melancholischen Sicht Isabells „auf die alte Frau, die sie jetzt schon war“.

Wenn die Autorin zeigen wollte, dass es auch erfolgsverwöhnte, durch und durch rational denkende und handelnde Menschen zwischen 30 und 40 treffen kann, so ist ihr das zweifellos gelungen. Ihr Happy End ist eins mit Narben und Kratzern, sehr nah an der Kehrseite des Zeitgeistes und insofern zu Recht ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

REDEN HILFT

Flüchtlingshilfe und Kulturarbeit

Deutschland wird zwischen 800.000 und eine Million Vertriebene aufnehmen, über vier Millionen sind bereits allein aus Syrien geflohen. Hilfsprogramme für Flüchtlinge und die Aufnahmegesellschaften leiden an chronischer Unterfinanzierung. Mit der Zahl der Flüchtlinge seit dem Beginn der Syrien-Krise 2011, so das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, ist aber auch die Zahl der freiwilligen Helferinnen und –helfer gestiegen. Kleiderspenden, Deutschunterricht und Amtsbegleitung sind die häufigsten Projekte, an denen Engagierte sich beteiligen.

Bildung ist für Syrer ein hohes Gut. Vor dem Krieg war es in Syrien verpflichtend eine kostenfreie Schule zu besuchen. In Jordanien müssen rund 20 Prozent der Kinder die Schule abbrechen um eine Arbeit aufzunehmen. Bei Mädchen führt diese Situation in einigen Fällen auch zu frühen Zwangsehen.
Auch deswegen, um diese Lücken von Bildung und Finanzierung zu schließen, entwickelten sich u.a. in Deutschland spontane sowie langfristige Hilfsprojekte von Kulturschaffenden und Kulturnahen Instituten.
Im Literaturbereich sind das etwa Blogger für Flüchtlinge, eine Benefiz- und Spenden-Aktion deutschsprachiger BloggerInnen, Bücher sagen Willkommen, die vom deutschen Buchhandel initiierte Lernhilfe-Aktion in Flüchtlingscamps in Deutschland, u.a. mit Lese- und Lernecken und Spenden-Aktionen, oder das PEN-Zentrum Deutschland mit seinen Writers-in-Exile-Stipendien und dem Rapid Network für Writers in Prison-Hilfe.

Fairer Buchfragt stellt ab jetzt kulturelle FlüchtlingshelferInnen aus der Buchbranche vor.

REDEN HILFT
Teil I: Das Goethe-Institut

Nachgefragt bei Dr. Bernd Zabel, Fachbereich Literatur und Übersetzungsförderung der Zentrale des Goethe-Instituts, München
Das Goethe-Institut führt seit 2013 Projekte im zweitgrößten Flüchtlingscamp der Welt, dem Zaatari Camp in Jordanien durch, etwa Vorlesecamps oder Sprachkurse für Kinder, und ist an dem Action-for-Hope-Netzwerk beteiligt. 83.000 Menschen leben zurzeit in der Containerstadt, Beduinen sagen von dem Flecken inmitten des Wüsten-Niemandslandes hinter Mafraq, hier habe zuletzt der Teufel gewohnt. Das Goethe-Institut organisiert seit 2011 Sprachkurse für Flüchtlinge, um sie für einen Aufenthalt in Deutschland vorzubereiten, als auch Lernhilfen und Deutschlehrer-Kurse in Deutschland.

FairerBuchmarkt: Dr. Zabel, In welchen Ländern, und wie viele Menschen soll möglichst geholfen werden?

Dr. Zabel: Schwerpunkt sind die Projekte in den Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon, in der Türkei. In den Lagern halten sich die Flüchtlinge auf, die nicht über die Mittel verfügen, um die Reise nach Europa antreten zu können. Unter ihnen auch solche Menschen, denen das UNHCR, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, im Rahmen des Resettlements, der Familienzusammmenführung, die Möglichkeit verschafft, auf legalem Weg einzureisen. Mit dieser Perspektive machen Sprachkurse speziell in der nervtötenden, monotonen Lagerwelt besonderen Sinn.

FairerBuchmarkt: In welchem Zeitraum werden diese Sprachkurse und Ausbildungen durchgeführt?

Dr. Zabel: Die Kurse laufen schon seit annähernd zwei Jahren und sie laufen natürlich nicht nur in den Lagern, sondern auch in den Hauptstädten, also in Cairo, Amman, Beirut, Ankara, Istanbul und Izmir, wo das Goethe-Institut vertreten ist.
Man darf sich diese Kurse nicht als geschlossenes Curriculum vorstellen. Oft geht es nur darum, die Zeit bis zur Weiterreise sinnvoll zu nutzen und eine Art sprachliches Überlebenstraining anzubieten, sozusagen Deutsch auf SOS-Niveau.

FairerBuchmarkt: Besonders junge Leute, Studenten und Kinder haben auf der Flucht keine Möglichkeit, ausgebildet zu werden. Jedes 5. Syrische Kind kann nicht mehr zur Schule gehen. Wie versucht das Goethe-Institut, den Studierenden zu helfen? Und den Kindern?

Dr. Zabel: Unter den Sprachkursteilnehmern sind bezeichnenderweise viele junge Menschen, speziell Studenten, die genau wissen, dass sie für die Aufnahme oder Weiterführung ihres Studiums entsprechende Deutschkenntnisse nachweisen müssen.
In den Lagern gibt übrigens auch Theater, Mal- und Bastelkurse, die allerdings nicht von GI (Goethe-Institut-)Mitarbeitern, sondern von Expertinnen und Experten durchgeführt werden. Diese Angebote werden aber aus den Mitteln finanziert, die die Bundesregierung dem GI zur Verfügung gestellt hat. Das gilt natürlich auch für die psychologischen Hilfsangebote, wie etwa Traumatherapie.

FairerBuchmarkt: Wie werden diese wertvollen Hilfen finanziert?

Dr. Zabel: Neben den Mitteln der Bundesregierung ist auch die großzügige Unterstützung durch die Japan Art Association zu nennen. Mit der Japan Fundation werden eine Vielzahl gemeinsamer Projekte auf der Basis eines Kooperationsabkommen realisiert. Die Höhe der Spende hat dennoch überrascht.

FairerBuchmarkt: Das Goethe Institut scheut sich nicht vor aktiver Hilfe zurück, Stichwort: Migration und Integration. Welche Projekte der letzten Jahrzehnte hat Sie besonders berührt und beschäftigt?

Dr. Zabel: Besonders wichtig finde ich Projekt, die sich dezidiert an Jugendliche in Krisenregionen wenden. Ob es die Länder Ex-Jugoslawiens, die Ukraine und Russland oder die arabischen Länder sind, gemeinsam ist den Programmen, dass sie Jugendliche aus verfeindeten Staaten zusammenbringen, um zumindest in der jungen Generation Vorurteile abzubauen.

FairerBuchmarkt: Welche Sprachvermittlungsprojekte des GI haben schier unüberbrückbare Gräben geschlossen?

Dr. Zabel: Eine fremde Sprache zu lernen ist immer mehr als Vokabular und Grammatik. Mit einer neuen Sprache erwirbt man auch eine andere kulturelle Prägung, eine neue Sicht auf die Welt, deshalb ist, man kann es nicht oft genug wiederholen, der Spracherwerb der Schlüssel für alle weiteren Schritte der Integration.

FairerBuchmarkt: Welches sind die ersten Worte, die „hängen bleiben“, welche werden in jeder Sprache als erstes gelernt oder vermittelt?

Dr. Zabel: Das hängt davon, ob der Spracherwerb gesteuert oder eher ungesteuert, sporadisch erfolgt. Aus didaktischen Gründen wird der/die Unterrichtende mit sogenannten Internationalismen beginnen, um den Lernern klar zu machen, dass sie im Meer der fremden Wörter doch schon einige kennen, um die herum man dann Cluster bilden kann. Gleichzeitig wird im Unterricht aber auch von Anfang an der pragmatische Aspekt, also das Sprachhandeln trainiert, damit die Lerner möglichst rasch Alltagssituationen sprachlich bewältigen können, z.B. „Nach dem Weg fragen“, „Einkaufen“, „Über das eigene Befinden Auskunft geben können“.

FairerBuchmarkt: Sie arbeiten eng mit dem PEN-Zentrum Deutschland zusammen. Wie sieht diese Arbeit aus, wie unterscheidet sie sich womöglich von der anderen GI Flüchtlingshilfe?

Dr. Zabel: Das Goethe Institut hat eine besondere Expertise im Bereich der Sprachvermittlung. Die Zusammenarbeit mit Organisationen wie dem PEN-Zentrum, Pro Asyl oder den Flüchtlingsräten ist noch jungen Datums und ausbaufähig. Ein wichtiger erster Schritt wurde gemacht, als im letzten Jahr die Zusage kam, dass alle Stipendiaten des PEN-Zentrums im „Writers in Exile-Programm“ kostenlos Sprachkurse besuchen können.

FairerBuchmarkt: Was wünschen Sie sich von der deutschen und europäischen Politik für Ihre Arbeit, bzw. zum Umgang mit den Vertriebenen?

Dr. Zabel: Wichtig ist, dass die Stimmung jetzt und in Zukunft nicht kippt zuungunsten der Migranten. Um das zu vermeiden, ist eine Verteilung der Flüchtlinge auf möglichst viele europäische Länder erforderlich. Deutschland kann und sollte die Probleme nicht allein lösen.

FairerBuchmarkt: Was glauben Sie, vorher rührt die Angst vor dem „Fremden“ – und kann dies durch Kommunikation gemildert, verändert, aufgehoben werden?

Dr. Zabel: Mit Sicherheit rührt die „Angst vor dem Fremden“ von Unkenntnis her. Dazu gehört, dass es „Das Fremde“ nicht gibt, es gibt relative Fremdheit, die durch Begegnung überwunden werden kann. Multiple Identitäten, hybride Zustände sind heute weit verbreitet. Niemand soll in eine „Leitkultur“ gezwungen werden, gegenseitiger Respekt und Toleranz sind allerdings unverzichtbar.

FairerBuchmarkt: Was wünschen Sie sich von Deutschland, von den hiesigen Einwohnern?

Dr. Zabel: Dass sie sich nicht beirren lassen, weder vom rechten Rand her noch von Bedenkenträgern aus dem Regierungslager.

FairerBuchmarkt: Was ist das Erschütterndste, was Sie bisher in Ihrer Arbeit erlebt haben?

Dr. Zabel: Die Bombardierung Belgrads und Serbiens durch NATO-Truppen 1999.

FairerBuchmarkt :Und was das Berührendste?

Dr. Zabel: Dass es mir gelungen ist, den verfolgten syrischen Autor Fouad Yazji nach Deutschland zu holen. Vor mehr als einem Jahr hatten wir erstmals Mailkontakt. Heute ist er Stipendiat im Writers in Exile Programm des PEN-Zentrums Deutschland.

FairerBuchmarkt: Vielen Dank, Dr. Bernd Zabel, für das Gespräch.

Ein Lied singen, das mit einem unendlich langen Seufzer endet

Ein Porträt der Chamisso-Preisträgerin Marjana Gaponenko von Bernd Zabel

Es klingt wie ein Märchen: eine Schülerin aus der Ukraine verliebt sich in die deutsche Sprache und beginnt Gedichte auf Deutsch zu schreiben. Im Februar 2013, sechzehn Jahre später, erhält Marjana Gaponenko den renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preis für deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Herkunft. weiterlesen

EIN FORUM FÜR DIE DICHTKUNST

Der legendäre österreichische Dichter H. C. Artmann zählte vor 25 Jahren zu den Ersten, heute – im Jahr 2014 – nähert man sich der Marke von 1.000 Lesungen. Eine fantastische Bilanz im Dienste der Poesie. Die Rede ist vom Lyrik-Kabinett München, einer Institution, die noch mit anderen Superlativen aufwarten kann. Das Haus beherbergt die größte Sammlung von Lyrikbänden deutschlandweit und die zweitgrößte in Europa. weiterlesen

LUZIDE, LUFTIG, LISTIG

Sie wurde in den USA geboren und ist in Wien aufgewachsen, ihr Germanistik-Studium schloss Ann Cotten mit einer Arbeit zur Konkreten Poesie ab. In ihren Texten vereint die Autorin ihre beiden Sprachen Englisch und Deutsch. Ann Cotten wird mit dem Chamisso-Preis 2014 ausgezeichnet. weiterlesen