Dr. No und Captain Micky

Alen Meskovic: Ukulele-Jam

Was darf man von einem Jugendroman erwarten, in dem mehr als 60 Songtitel und Bands auftauchen? Von einem Text, der als Play-list gegliedert ist? Ein Coming-of-Age Buch eines DJ, gar eines hoffnungsvollen jungen Musikers?
Wohl kaum, wenn das Buch in einem Flüchtlingslager spielt. Der dreizehnjährige Miki ist hier mit seinen Eltern gelandet, wobei sie wenig mehr als das nackte Leben gerettet haben. Die bosnische Familie findet sich wieder in einem ehemaligen Hotel der jugoslawischen Volksarmee an der kroatischen Küste.
Keine 150 Kilometer entfernt tobt der Krieg und neben ihnen sonnen sich Touristen am Strand.
Miki hat einige Musik-Kassetten gerettet, er hört Pink Floyd’s „Comfortably Numb“, Deep Purple und Metalbands. Stücke des bewunderten älteren Bruders Neno, der zurück blieb. Vorbei die Zeit, als sie sich die Namen von Comic-Helden gaben: Dr. No und Mr. Micky. Nenos ungeklärtes Schicksal überschattet jeden Tag im Camp. Die Mutter versinkt in tiefer Depression, der Vater hört wie versteinert ständig Nachrichten im Radio. Befragt, kann Miki nur unter Alkohol über die Vergangenheit sprechen und es bleibt offen, ob nicht alles doch ganz anders und noch viel schlimmer war.

Unter den Erwachsenen machen sich Lähmung, Resignation, Streit und Repressalien breit. Da seine Zeugnisse zurückgeblieben sind, kann Miki nicht aufs Gymnasium, er besucht widerwillig eine Berufsschule, findet aber Freunde, und er findet das “Ukulele”, einen Musikschuppen in der nächsten Stadt, der ihm zum zu Hause wird. Miki will mit der neuen Realität zurechtkommen. Er macht er mit seinen neuen Freunde Mädchen an, hört Musik und feiert bei Lagerfeuer am Strand. Doch schon bald muss er einsehen, dass es auch für Jugendliche keine Refugien gibt. Die jungen Touristinnen reisen schnell wieder ab, die bewunderten heimischen Rockstars lassen sich für Propagandazwecke einspannen und die Freunde erhalten nach und nach Visa für Schweden, Kanada oder Australien.

Ukulele-jam erzählt die Geschichte eines jungen Mannes und seines Überlebenswillens in den Jahren des Hass schürenden Nationalismus. Es ist seine sehr persönliche Erzählung von der Leben spendenden Kraft jugendlicher Rituale auch unter schwierigsten Umständen.
Für den mittlerweile Fünfzehnjährigem findet der Autor einen spannenden Schluss. Seine Geschichte geht also weiter, denn zur Zeit arbeitet er im Künstlerhaus der Stadt München, der am Starnberger See gelegenen Villa Waldberta, an einer Fortsetzung der Geschichte, die zu großen Teile seine eigene ist. Geboren 1977 in Bosnien, lebt er heute in Dänemark, wo sein Buch ihm großen Erfolg, ein Förderstipendium und mit Metrolit Berlin einen deutschen Verlag beschert hat. Der sprachbegabte Autor hat auch Lyrik in englischer Sprache verfasst und vielleicht können wir bald auch deutsche Texte von ihm lesen, denn, wie er selbst sagt: “Für mich habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nicht nur mit dem linguistischen System der Sprache umgehe, sondern mein eigenes komplettes Sensorium einbringe. Eine neue Sprache schränkt dich bis zu einem gewissen Grad ein, aber diese Einschränkung muss nicht notwendigerweise ein Nachteil sein. Sie kann vielmehr bestimmte Aspekte des Schreibens hervorheben und dich bewusster darin machen, deinen Inhalt zu kommunizieren.”

Bernd Zabel, Bereich Literatur und Übersetzungsförderung, Goethe Institut

Alen Mešković, geboren 1977 in Bosnien, kommt 1994 nach Dänemark. Hochschulabschluss an der Universität Kopenhagen in „Moderne Kultur und Kulturvermittlung”. 2007 erscheint ein Beitrag des Autors in der Anthologie „Neue Stimmen” des Verlags Gyldendal. 2009 veröffentlicht er seine von der Kritik hoch gelobte Gedichtsammlung FØRSTE GANG TILBAGE (Zum ersten Mal zurück). Das Buch bringt ihm im gleichen Jahr das Erik Hoffmeyer Reisestipendium. UKULELE-JAM, sein erster Roman, erschien im September 2011. Im Mai 2012 erhielt Mešković ein dreijähriges Arbeitsstipendium von der dänischen staatlichen Kunststiftung für UKULELE-JAM.

Ukulele-jam wurde bereits ins Kroatische, Ungarische und Englische übersetzt.

Fotos (freier Download):
http://presseservice.gyldendal.dk/Search%20Result.aspx?search=meskovic

Weitere Informationen und Fotomaterial über METROLIT Verlag, Marie Claire Lukas lukas@metrolit.de, t: 030-28 394-220