Festival Wortgarten

Ein Sommerfest der Literatur

Bei Fürstenwerder in der Uckermark fand im August 2015 erstmalig das Festival Wortgarten statt. Dieses sommerliche Literaturfestival der anderen Art zeigte,
wie sich Literatur auch vermitteln lässt.

Die Uckermark, gern als „dünnbesiedeltes Gebiet circa 150 Kilometer nordöstlich von Berlin“ etikettiert, geriet 2014 schlagartig ins Zentrum literarischer Aufmerksamkeit, als der Autor Saša Stanišić mit dem Roman Vor dem Fest den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Skurrile, urige Typen, sowohl Wendeverlierer als auch Zugezogene, bevölkern den Roman. Vorbild für Stanišićs Fürstenwalde, den Ort an dem Vor dem Fest spielt, ist Fürstenwerder, ein Dorf, in dem er zeitweise selbst gelebt hat.

 

Open Air

Als Saša Stanišić zum Auftakt des Festivals Wortgarten zum literarischen Spaziergang durch sein Biotop Fürstenwerder lud, folgten dieser Einladung mehr als 100 Literaturbegeisterte. Im launigen Mix aus Fiktion und Fakten steigerte sich Stanišić von Station zu Station. Die Spazierwilligen hingen an seinen Lippen. Bereits hier deutete sich an, dass Wortgarten kein Festival wie viele andere werden würde. Die Macher vom Verein Kook aus der Berliner Independent- Szene hatten das Glück, mit Detlev Graf von Schwerin und seiner Frau Kerrin auf Mäzene zu treffen, die diesem Sommerfest der Literatur und Musik auf ihrem Gutshof Bülowssiege bei Fürstenwerder in der Uckermark einen einmaligen Rahmen bot. Dieser Gutshof der deutschen Romantik – ein Geheimtipp – befindet sich nach zwei Diktaturen heute wieder in Familienbesitz. Benannt wurde Bülowssiege nach Friedrich Wilhelm Freiherr von Bülow, der in den sogenannten Befreiungskriegen gegen Frankreich in den Jahren 1813 bis 1815 ein erfolgreicher Feldherr war.

Auch das Wetter erwies sich als Glücksfall: Während keine 100 Kilometer entfernt schwerste Gewitter niedergingen, umlagerten mehr als 500 Besucher die Open-Air Lesungen im Park und im Gelände. Autoren mit Regionalbezug und Kosmopoliten wechselten sich munter ab. Und – wo gibt es das sonst? – ein eigenes Programm für Kinder sorgte für anhaltendes Vergnügen. Kein Kind verließ das Gelände ohne einen Band Cowboy Klaus im Rucksack. Karsten Teich und Eva Muszynski, Autoren dieser Buchreihe für Leseanfänger, hatten ganze Arbeit geleistet.

Werkstatt-Einblicke


Überhaupt war es eine wunderbare Riege von Autoren, die an einem langen, kurzweiligen Wochenende von den Moderatoren Verena Auffermann (Kritikerin),  Jörg Sundermeier (Verleger des Verbrecher-Verlags Berlin) und Daniel Beskos (Verleger des Mairisch-Verlags Hamburg) präsentiert wurden: Oliver Bottini, Georg Klein, Katja Lange-Müller, Tilmann Rammstedt, Kathrin Schmidt, Ingo Schulze, Jan Wagner, Kirsten Fuchs, Annett Gröschner sowie die Newcomer Karen Köhler, Daniela Seel und Karla Reimert. Das Quartett der Kinderbuchautoren rundeten – neben Karsten Teich und Eva Muszynski – Finn-Ole Heinrich und Jan Peter Bremer ab. Die Autoren präsentierten nicht etwa ihre größten Erfolge, sondern Einblicke in ihre Werkstätten, kürzere neue Texte, Auszüge aus Romanen, mitreißende Reportagen. Zwischendrin erfreute feinste Musik das Herz. Der Liedermacher Jan Böttcher mit seinen schräg-humorvollen Songs und als Nachtprogramm Mascha Qrella und Band mit ausgefeiltem Pop.

Gemeinschaftsbildend

Das Publikum lagerte im wohlgekappten Gras, den Schatten der Obstbäume suchend. Aus den Gruppen lösten sich dann Einzelne, nämlich die Autorinnen und Autoren, um zu lesen und um danach wieder in die Gruppen einzutauchen. So viel Nähe war selten. Der Genius Loci trug seinen Teil dazu bei. In sommerlich-heiterer Stimmung diskutierte man bis tief in die Nacht. Bezeichnend, dass hier kein Buchkonzern und keine Eventagentur beteiligt waren. Die Künstler Jutta Büchter, Lucy Fricke, Alexander Gums vom Verein Kook und ihre Helfer kuratierten und organisierten das Festival selbst. Großartig auch, dass die Kulturstiftung des Bundes, die Rudolf-August-Oetker-Stiftung und die Ostdeutsche Sparkassen-Stiftung diese Begegnung möglich machten. Fazit: Es sollte mehr Veranstaltungen dieser Art geben, barriere- wie renditefrei, aber gemeinschaftsbildend. Dann muss man sich um die Lebendigkeit der Gegenwartsliteratur keine Sorgen machen.

Festival Wortgarten

http://www.wortgarten.de/

Kook-Verein

http://kookverein.de/