Fluchtpunkt Hamburg – Die wahre Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie

Stockholm, Juni 2010: Im Goethe Institut der schwedischen Hauptstadt spricht ein Mann mittleren Alters vor, um sich nach Deutschkursen zu erkundigen. Seine Motivation ist ungewöhnlich. Im väterlichen Nachlass hat er Briefe und Postkarten gefunden, verfasst auf Deutsch, einer Sprache, die der Vater niemals mit ihm gesprochen hat. Nach einer Odyssee durch halb Europa kam der Vater, Walter Wächter, geboren und aufgewachsen in Hamburg, 1938 nach Schweden. Die jüdische Familie Wächter lebte seit Generationen in Hamburg, Walters Vater, Gustav Wächter, arbeitete als Finanzbeamter in der Steuerbehörde Baumeisterstraße. Seine Eltern, Gustav und Minna Wächter, hat Walter nach der erzwungenen Ausreise nie wieder gesehen. Sie werden 1941 nach Riga deportiert und im KZ umgebracht. Seine beiden älteren Brüder müssen ebenfalls emigrieren, der Schauspieler Max landet in Argentinien, John und seine Frau Else in Brasilien.

Abbildung: acabus VerlagIn den drei Jahren zwischen 1938 und 1941 bleiben die Eltern nur über Briefe und Postkarten mit den Kindern in Kontakt. 32 dieser Postkarten fand Torkel S. Wächter, der Enkel, auf dem elterlichen Dachboden in Stockholm, außergewöhnliche Zeitzeugnisse, die er zuerst auf seine Webseite stellte und dann als Faksimile und mit Kommentaren versehen als Buch herausbrachte. Damit war der Forschergeist Torkels nicht erlahmt. Im Gegenteil. Immer wieder reist der Ex-Pilot der schwedischen Airline nach Hamburg, um im Staatsarchiv nach den Spuren seiner Familie zu graben. Daraus ist jetzt das Buch „Die Ermittlung“ entstanden, Untertitel: „Die wahre Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie aus Hamburg“.

Angelegt als fiktives Tagebuch, umfassend Einträge aus dem Zeitraum zwischen dem 30. Januar und dem 2. Juli 1933. Wer nun meint, bereits alles über die Monate der sogenannten Machtergreifung zu wissen, sollte zu diesem Buch greifen. Man erfährt, wie eine streng hierarchisch organisierte Behörde von innen heraus national umgekrempelt wird. Treibende Kraft sind die „völkisch gesinnten“ Mitarbeiter, die als Kriegsversehrte in den Staatsdienst aufgenommen, auf schlecht bezahlten Posten ihren Ressentiments nachhängen. Jetzt ist ihre Stunde gekommen. Zielscheibe wird sofort der Steueroberinspektor Gustav Wächter, SPD-Mitglied, dem in einem anonymen Schreiben Verunglimpfung der NS-Partei und ihres Vorsitzenden vorgeworfen wird. In preußisch-beamtenmäßiger Gründlichkeit wird daraufhin ein internes Untersuchungsverfahren angestrengt.

Der Autor hat Originalprotokolle von Aussagen und Einlassungen als Faksimiles versammelt. Zeitgleich rekonstruiert er tagebuchartig den Alltag der Familie Wächter, der immer bedrohlichere Züge annimmt. Die Brüder, politisch in der SAP aktiv, werden verschiedentlich festgehalten, inhaftiert, an der Berufsausübung oder an der Aufnahme des Studiums gehindert. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtums“ vom 7. April 1933 wird eine Grundlage geschaffen, um Regimegegner und „Nichtarier“ aus den Behörden zu entfernen. Das „Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen“ leistet Ähnliches bei Studenten/innen. Anfang April findet zudem der erste große Judenboykott statt, der in der Verbrennung von Büchern unliebsamer Autoren auf öffentlichen Plätzen gipfelt. Die Zeichen stehen auf Sturm. Torkel zitiert illustrierend aus den berühmt gewordenen Tagebüchern Victor Klemperers „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ und fügt hinzu: „Gustav ist in einer ähnlichen Form Jude wie dieser oder auch Heinrich Heine.“ Dass die Familie nicht religiös ist, vielmehr weltlich und republikanisch gesinnt, hilft ihr nicht, ja schadet ihr eher. Die ausführlichen Rechtfertigungsschreiben Gustavs nehmen sich nur mehr als hilflose Versuche aus, wenigstens vor sich selbst die Würde nicht zu verlieren. Als „national unzuverlässig“ – Beweismittel: Lektüre und Weitergabe der SPD-Parteizeitung – wird Gustav Wächter aus dem Staatsdienst entfernt und kann durch Antrag auf Versetzung in den Ruhestand wenigstens noch verhindern, dass die Familie völlig mittellos bleibt. Sie ahnen an diesem 1. Juli 1933 nicht, dass noch acht Jahre voller Schikanen und Demütigungen vor ihnen liegen. Ihre Söhne verlieren mit der erzwungenen Ausreise auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Torkel S. Wächter lebt zwar nach wie vor in Stockholm, ist aber 2014 Deutscher geworden. Warum? „Mit dem Erlernen des Deutschen begann ich, die Sprache meiner Großeltern zu mögen und Bewunderung für die deutsche Kultur zu empfinden.“ An diese Kultur knüpft Torkel wieder an, so dass die Geschichte zwar einen Anfang, aber kein Ende hat. Denn seine Kinder sprechen auch wieder Deutsch.

Anmerkung zum Verfasser: Bernd Zabel war von 2008-2011 Leiter der Sprachabteilung am Goethe Institut Schweden.