Matthias Nawrat: „Wir zwei allein“, Nagel & Kimche (Hanser Imprint), München 2012

Unter den Nominierten für den nächsten Chamisso-Preis findet sich der Name Matthias Nawrat. Er ist polnischer Herkunft, schreibt aber auf Deutsch und erfüllt somit die Kriterien, die der Ausschreibung zugrunde liegen. Zur Zeit studiert er am Schweizerischen Literaturinstitut Biel.

Im nahegelegenen Freiburg im Breisgau, wo der Auto ansonsten auch lebt, spielt sein Roman „Wir zwei allein“. In kurzen Abschnitten präsentiert der Ich-Erzähler eine Beziehungsgeschichte, die es in sich hat. In einer Kneipe lernt er Theres kennen, eine handwerklich-künstlerisch begabte junge Frau, die in einem ungeliebten Brotberuf als Schuhverkäuferin arbeitet.

Von Anbeginn ist sie von einer Aura des Geheimnisvollen umwittert. Sie entzieht sich dem Erzähler, taucht dann wieder unvermutet auf. Sie beschäftigt ihn unablässig, reißt ihn aus seinem Alltag als Obst- und Gemüseausfahrer eines Großhandels, in der er sich als abgebrochener Student eingerichtet hat: selbst als ihm die Geschäftsführung der Firma angeboten wird, lehnt er ab. In diese Existenz bricht Theres ein und rüttelt sie gehörig durcheinander. Seine Gedanken, sein Handeln kreisen binnen Kurzem nur noch um sie

Was in der Nacherzählung des Plots wie eine banale Alltageschichte wirkt, lebt vom Sog einer eigentümlichen Spannung. Der Leser wartet immerzu auf ein Umkippen, eine Entlarvung, eine Auflösung der Rätsel um Theres. Aber nichts von all dem passiert, der Ich-Erzähler fährt fort sich um Theres zu sorgen, stützt sie, hilft ihr und bewundert sie.

Nawrat versteht es zudem, das Erzähltempo mit vielen Einschüben zu verlangsamen. Er erzählt häppchenweise und streut immer wieder Reflexionen, Traumsequenzen und Naturbeobachtungen ein. Die ausgedehnten Fahrten zur Belieferung der ortsansässigen Gastronomie mit Frischware geben Anlass zu pointierten Schilderungen der Landschaften von Schwarzwald und Kaiserstuhl.

Die Liebe zu Theres, der er sich nicht sicher ist, wird dann allerdings auf eine harte Probe gestellt, verschwindet Theres doch plötzlich über Monate. Die Suche nach ihr erfolgt eher halbherzig, er sucht in ihrer Wohnung nach Anhaltspunkten, jedoch ohne Erfolg. So plötzlich, wie sie verschwunden ist, steht sie dann plötzlich wieder neben seinem Lieferwagen. Froh, sie zurück zu haben, belästigt er sie nicht mit Fragen oder gar Vorwürfen. Von ihr selbst kommen nur vage Andeutungen, sie nennt beiläufig Namen von Städten und Ländern, in denen sie gewesen ist.

In der Zeit Ihrer Abwesenheit ist jedoch ein Entschluss gereift. Sie möchte mit ihm zusammenziehen, aufs Land hinaus, in ein gemeinsames Haus, das auch bald gefunden ist. Mit Enthusiasmus und Geschick macht sich Theres an die Renovierung des alten Bauernhauses. Da schadet es nicht, dass sie nicht mittelos von der Reise zurückgekommen ist. Allerdings ist sie auch, wie bald klar wird, schwanger. Ein dramatisches Finale bleibt indessen aus. Man richtet sich im „schönen Wieden“, so der Titel des letzten Abschnitts, häuslich ein. Vor einem Abgleiten ins Biedermeier bewahrt den Roman letztlich seine hochverdichtete Sprache, sein lakonischer-sentimentaler, konzis-konzentrierter Tonfall, der passagenweise an die Prosa Robert Walsers erinnert

B. Zabel, August 2012