Schreiben und Verstummen im Exil

Wie verfolgte und vertriebene Schriftsteller in Deutschland um ein neues literarisches Leben kämpfen – und wie viel Kraft und Glück es dafür braucht.

Dass sie einmal Religionslehrerin für muslimische Jugendliche werden würde, hätte Maynat Kurbanova nicht gedacht. In Tschetschenien war sie eine erfolgreiche Autorin und Journalistin. Als Korrespondentin der Moskauer Zeitung Nowaja Gazeta arbeitete sie im Nordkaukasus. Nach Drohungen verließ Kurbanova Russland im Jahr 2004 und kam nach Deutschland. Ein Stipendium des PEN-Zentrums sicherte ihr zunächst den Lebensunterhalt. Doch danach stellte sich die Frage, wie es weitergehen soll. Maynat Kurbanova musste sich neu erfinden, sie studierte Islamwissenschaft und qualifizierte sich für ihren heutigen Beruf als Lehrerin in Wien.

Auch Liu Dejun hat ein neues Leben begonnen. Der chinesische Blogger und Menschenrechtsaktivist ist ein scharfer Kritiker des Pekinger Regimes. Er wurde mehrfach verhaftet und misshandelt. 2013 verließ er seine Heimat. Heute studiert er in Nürnberg Jura – nach intensivem Deutschlernen bestand er die Aufnahmeprüfung für die Universität.
Viele leben unter prekären Bedingungen
Maynat Kurbanova und Liu Dejun – zwei Autoren, die es nach ihrer Flucht „geschafft“ haben. Doch es sind auch zwei Ausnahmefälle. Die wenigsten geflüchteten Schriftsteller haben in Deutschland einen guten Start, viele leben unter prekären Bedingungen. Ihre Situation ist auch abhängig davon, welche Sprache sie sprechen. Autorinnen mit guten Kenntnissen europäischer Sprachen haben eher die Möglichkeit, in Deutschland zu schreiben und zu publizieren. Dennoch fällt es auch ihnen schwer, damit ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Vergleichsweise gute Aussichten haben wohl jene, die noch in jungem Alter ihre Heimat verlassen mussten: Saša Stanišić etwa floh als Jugendlicher mit seiner Familie vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland. Er hatte das Glück, auf verständige Menschen zu treffen, die ihn auch fachlich förderten. Heute ist er ein anerkannter, viel gelesener Autor, der 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse geehrt wurde. Als Schriftsteller etabliert ist auch Abbas Khider. Nach langer, beschwerlicher Flucht aus dem Irak kam er mit 27 Jahren nach Bayern, ohne jegliche Deutschkenntnisse. Inzwischen hat er mehrere Romane auf Deutsch geschrieben, die mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. 2017 ist Khider Stadtschreiber von Mainz.
Die seelische Last von Flucht und Folter
Allerdings: Jedes Fluchtschicksal ist individuell. Es macht einen großen Unterschied, ob jemand seine Familie zurücklassen musste, ob er hier eine Gemeinschaft von Landsleuten vorfindet und ob der Arm seiner Verfolger – etwa der Geheimdienste – bis ins Gastland reicht. Auch die Frage, wie schwer die Traumatisierung durch Flucht, Verfolgung, Haft und Folter auf der Seele lastet, spielt eine große Rolle für das weitere literarische Schaffen.

Hinzu kommt: Autoren brauchen Kontakte – zu Verlagen, Übersetzern und Redaktionen. Gerade geflüchtete Schriftsteller müssen Lesungen halten und bei Diskussionen präsent sein, um ihr in Deutschland meist völlig unbekanntes Werk dem Publikum vorstellen zu können. Doch oft winken Verlage ab, weil sie bereits einen oder zwei Autoren, etwa aus dem arabischen Raum, im Programm haben. Dann bleiben nur die unabhängigen, kleinen Verlage, die zwar weniger Werbemöglichkeiten, dafür oft aber mehr Mut haben.
Literarische Kunstwerke auf Facebook
So hat der Berliner Verlag mikrotext, eigentlich auf E-Books spezialisiert, mit Texten von Aboud Saeed einen großen Erfolg gelandet. Saeeds gesammelte Statusmeldungen im sozialen Netzwerk Facebook fanden so viele Leser, dass auch eine Printausgabe erschien: Der klügste Mensch im Facebook (2013). Sie liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. Saeed hat 2015 mit Lebensgroßer Newsticker nachgelegt, er schreibt inzwischen auch für das Magazin VICE Germany und die Tageszeitung taz. Mit seinen Kurztexten voll schwarzem Humor gelingt es ihm, ein junges Publikum anzusprechen.

Einen anderen Ansatz verfolgt die syrische Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan, die seit 2012 in Hamburg lebt. Sie engagiert sich vor allem für Frauenrechte. Ein Roman und eine Erzählung der Autorin liegen auf Deutsch vor: Wächter der Lüfte und Ebenholz, beide erschienen im Kölner Alawi-Verlag. Die Syrerin spricht darin Tabus an, die das Leben in ihrer Heimat bestimmen: Politik, Religion, Sexualität, Unterdrückung und Gewalt, gerade gegenüber Frauen.

Sie lebe von und aus den Geschichten, die sie aus Syrien mitgebracht habe, sagt Rosa Yassin Hassan. Deutschland werde für sie immer Exil bleiben. Sie hofft – wie viele Autoren aus der arabischen Welt – auf eine Rückkehr in ihre Heimat. In der Zwischenzeit will sie mit ihren Büchern vor allem eines erreichen: Hinter den Zahlen und Daten zur Flucht einzelne Schicksale aufscheinen lassen. Wie ginge das eindrücklicher als mit den Mitteln der Literatur?