WINDPOCKEN, HUMOR UND NEUE FORMATE

Der Bachmann-Preis wird jedes Jahr im Frühsommer im österreichischen Klagenfurt vergeben. Er gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur. Im Jahrgang 2014 zeigten Autoren und Jury Schwächen. Ein Kommentar von Bernd Zabel zu den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur.

Es begann mit Windpocken. Wortreich beklagte Hanser-Chef Jo Lendle den Ausfall der von seinem Verlag vertretenen Autorin Karen Köhler. Statt Auftritt in Klagenfurt, Quarantäne in Hamburg. Da die Eingeladenen beim Wettbewerb selbst  vortragen müssen, waren es 2014 so nur 13 statt der ansonsten üblichen 14 Autorinnen und Autoren, die, eingeladen von den Juroren des Wettbewerbs und unterstützt von ihren Verlagen und Agenturen, in der Stadt am Wörthersee aufliefen.

Über dem See hatten sich zuvor dunkle Wolken zusammengebraut. Hieß  es doch, der Österreichische  Rundfunk (ORF) wolle sich als Hauptsponsor zurückziehen. Aber davon war dann mit Beginn des Wettbewerbs keine Rede mehr. Der ORF hatte sich eines Besseren besonnen.

VERQUERE LIEBESGESCHICHTE

Maja Haderlap, Gewinnerin des Bachmann-Preises 2011, wies in ihren Eröffnungsworten darauf hin, dass in den vorangegangenen drei Jahren drei Autorinnen den Bachmann-Preis gewonnen haben, deren Muttersprache nicht deutsch ist. 2013 beispielsweise gewann Katja Petrowskaja mit einem Auszug aus ihrem hochgelobten Roman Vielleicht Esther.

Die Qualität des Textes von Petrowskaja erreichten die Darbietungen des Jahres 2014 leider nicht. Und das lag nicht zum geringsten Teil an der Jury. Die von den Jurymitgliedern vorgeschlagenen Autorinnen und Autoren wussten nicht zu überzeugen. Das zeigte sich auch beim Hauptpreis, den der hauptberufliche Cartoonist Tex Rubinowitz einheimsen durfte. Vordem hatte er die Veranstaltung noch als Tage der reitenden Leichenwäscher persifliert – so der Titel eines 2012 im Prosaband Rumgurken erschienenen Textes. Mit der Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb wurde er eingemeindet. Seine verquere Liebesgeschichte Wir waren niemals hier demonstrierte vortrefflich, dass die bloße Abweichung von Codes und Konventionen noch keinen Eigenwert generiert.

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Jury mit der Entscheidung für Rubinowitz eine Kritik aus den Vorjahren zu Herzen nahm. Die vorherrschenden Themen beim Bachmann-Preis seien Tod, Krankheit, Krieg und Verhängnisse aller Art, so die Kritik.  Kluge und humorvoll-leichte Texte wie der Beitrag Ich brauche das Buch, mit dem Joachim Meyerhoff 2013 an den Start ging, hätten von vornherein keine Chance. Damit würde das ausländische Vorurteil über die Schwere der deutschsprachigen Literatur bestätigt, das immer wieder gern als Begründung für mangelnden Erfolg deutschsprachiger Literatur auf dem internationalen Lizenzmarkt der Verlage herangezogen wird.

BEMÜHT UM UNVOREINGENOMMENHEIT

Weitere Wettbewerbsbeiträge wurden dann nur inhaltlich, nicht ästhetisch diskutiert: Trauerbewältigung in Tibet etwa oder Drogen und Entzug in Berlin, ein – so die Jurorin Daniela Strigl in der Jurydiskussion zur Lesung von Kerstin Preiwuß – „Nerz-KZ“ in der DDR. (Diese und alle übrigen Texte sind auf der Website des Bachmann-Preises nachzulesen.)

Es fiel auf, dass die Jury wenig mit ästhetischen Kriterien operierte. Hubert Winkels, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, rollte gern den Bildungsteppich aus. Arno Dusini, Literaturprofessor in Wien, redete gelehrt an den Texten vorbei, und der einzige Schriftsteller in der Runde, Burkhard Spinnen, fühlte sich tief in die Psyche der Autorinnen und Autoren ein, um sich zum Abschluss des Wettbewerbs nach 14 Jahren Juryvorsitz von Klagenfurt zu verabschieden.

Im steten Bemühen, sich unvoreingenommen zu zeigen, würdigte die Jury aber auch neue Formate: Vor der Zunahme der Zeichen von Senthuran Varatharajah, eine Lebensgeschichte zweier Emigranten als Chatroom-Dialog auf Facebook (3sat-Preis), und Simeliberg, eine Text-Performance von Michael Fehr, die mit Schweizer  Nationalmythen  spielt (Kelag-Preis).

Eine handwerklich sehr stimmig komponierte Kurzgeschichte aus dem Theatermilieu lieferte Katharina Gericke ab. Die bühnenerfahrene Autorin bekam für diese hochverdichtete Prosa immerhin den Ernst-Willner-Preis überreicht. Sie hätte mehr verdient gehabt, wie nicht wenige der Anwesenden meinten.

Apropos Anwesende: Natürlich ist Klagenfurt auch immer ein Branchentreff für Verlagsleute, Journalisten, Kritiker, Agenten einerseits, Blogger, Literaturstudenten und -touristen andererseits. 2014 fiel die große Zahl von Studierenden aus den Schreibschulen in Biel, Hildesheim, Leipzig, Wien und erstmals auch vom Studiengang „Gegenwartskulturen“ der Universität Essen-Duisburg auf. Die geballte Flut an Blogs, Videos und Artikeln auf allen verfügbaren Kanälen, Plattformen und Medien übertraf bei weitem die Bedeutsamkeit des vor Ort Verhandelten. Aber so ist es  eben, wenn jugendlicher Optimismus und krisengeschüttelte Melancholie in der Sommerfrische aufeinandertreffen.