AN DEN BRUCHKANTEN DER KULTUREN

Der Chamisso-Preis kommt zu sich selbst und zeichnet den Berliner Erzähler Sherko Fatah für seinen Roman „Der letzte Ort“ aus.

Das Jahr 2015 konnte für den 1964 in Ost-Berlin geborenen Sherko Fatah nicht besser beginnen. Zuerst erhielt er den Großen Kunstpreis seiner Heimatstadt, kurz danach entschied sich die Jury des Adelbert-von-Chamisso-Preises den Autor auszuzeichnen. Höchste Zeit auch, könnte man meinen. Hat Fatah doch seit 2001 sechs bemerkenswerte Romane vorgelegt, die alle um ein Thema kreisen: die Erfahrung von Krieg, Terror und Gewalt. Dass man sich gerade jetzt seines Werks annimmt, mag der politischen Großwetterlage geschuldet sein. Spielt sein jüngster Roman Der letzte Ort (2014) doch wiederum im von Krieg und Gewalt zerrissenen Irak, einem Land, das seit den 1990er-Jahren vier Millionen Menschen verlassen haben. Nichts wäre jedoch verfehlter  als die Vermutung, der Autor habe sich hier flugs eines hochaktuellen Stoffes bemächtigt, um ein politisch brisantes Thema auszubeuten.

HISTORISCH IMMER KONKRETER

Sherko Fatah wuchs in der DDR auf, als Sohn eines irakischen Kurden und einer deutschen Mutter. 1975 siedelte die Familie zunächst nach Wien, dann nach West-Berlin über, wo Fatah Kunstgeschichte und Philosophie studierte. Den Irak und speziell die kurdischen Gebiete kennt er von vielen Verwandtenbesuchen, besonders in Suleymania, der an der Grenze zum Iran gelegenen Stadt. Fragen islamischer Identität stehen aber nicht im Vordergrund seiner Bücher. „Mein Vater war Sozialist“, betont er. Und dann holt der eloquente Autor zu einem kleinen geschichtlichen Exkurs aus. Wie kosmopolitisch die Region unter den ottomanischen Herrschaft gewesen ist, mit großen jüdischen Gemeinden in Bagdad und Damaskus. Mit dem Auftauchen der britischen Kolonialmacht begannen die Probleme. Natürlich ist das nicht der einzige Grund für die Greuel. Fatah differenziert in seinen Büchern wie kaum ein anderer. Oft stehen naive junge Männer im Mittelpunkt des Geschehens, Mitläufertypen, die alle erdenklichen Unmenschlichkeiten erleiden müssen. Anfangs scheinen noch viele Optionen möglich: eine bescheidene, aber ehrliche bürgerliche Existenz, ein gefahrvolles, aber einträgliches Leben als Schmuggler, Anschluss an eine der kämpfenden Gruppen oder schließlich die Flucht ins Exil. Fatah bleibt dicht an den recherchierbaren Tatsachen. Seine Romane werden von Mal zu Mal historisch konkreter. Der Horizont ist weit gespannt, wie auch sein vorletztes Buch Das weiße Land (2011) zeigt. Hier geht es um ein weitgehend unbekanntes Kapitel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Fatah bezieht sich auf die Zusammenarbeit des sogenannten Reichsführers-SS Heinrich Himmler mit dem Großmufti von Jerusalem. Diese Zusammenarbeit gipfelte in der Aufstellung einer arabischen SS-Division, die auch an der deutschen Ostfront zum Einsatz kam. Kritiker haben diesem Roman – aber auch Fatahs anderen Büchern – eine allzu exzessive Gewaltdarstellung vorgeworfen. Doch gerade in der Erforschung der unterschiedlichen Äußerungsformen von Gewalt kann man seine Stärke sehen: Wie die ruhige Beschreibung der kurdischen Bergwelt plötzlich in blanken Horror umschlägt, wenn Saddams Soldateska Menschen aus Helikoptern in die Tiefe stößt, das ist mit bestürzender Eindringlichkeit geschildert.

VERTRAUEN ODER VERRAT?

In seinen Büchern sieht Fatah voraus, was heute täglich die Zeitungsspalten füllt: das florierende Entführungsbusiness, grausame Hinrichtungen vor laufenden Kameras. Die beiden Protagonisten in Der letzte Ort, der deutsche Archäologe Albert und sein Übersetzer und Fahrer Osama, werden von Bewaffneten entführt. Zermürbt von Folter und Ungewissheit schwinden ihre Hoffnungen auf Befreiung. Sie ringen um Verstehen und Verständigung, misstrauen sich, bezichtigen sich gegenseitig des Verrats.

Stoff für einen Thriller allemal und mitunter führt der Autor den Leser auch auf diese Fährte, nur um wenig später eine gänzlich unerwartete Richtung einzuschlagen. Es geht Fatah um „die an den Bruchkanten der Kulturen sich ergebenen Asymmetrien“. Was wiegt mehr, Vertrauen auf gegenseitige Hilfe oder kulturelle Prägungen und Schranken? Nur ein Autor mit einer Biografie wie Sherko Fatah kann solche Konstellationen ersinnen. Albert und Osama, beide desillusioniert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, scheitern aus Misstrauen an der Mission Rettung. Auch wenn Fatah das Ende offen lässt, wird deutlich, dass Verständigung zwar punktuell möglich, aber das Verhältnis zwischen West und Ost zu verwickelt ist, um dem Teufelskreis aus Schuldzuweisungen und Projektionen zu entgehen. Insofern hat es in der Geschichte der Chamisso-Auszeichnungen selten einen Preisträger gegeben, der Charta und Notwendigkeit des Preises so lückenlos erfüllt wie Sherko Fatah.

Mit dem Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung werden alljährlich Bücher ausgezeichnet, die deutsch schreibende Autoren mit nichtdeutschen Wurzeln verfasst haben. Der letzte Ort von Sherko Fatah ist im Verlag Luchterhand erschienen. Außer dem Hauptpreis werden auch zwei Förderpreise verliehen, die 2015 an Olga Grjasnowa und Martin Kordic gehen.